Immuntherapie bei Prostatakrebs: Wirksamkeit, Möglichkeiten und Grenzen
Eine Immuntherapie unterstützt das Immunsystem dabei, Krebszellen im gesamten Körper zu erkennen und anzugreifen. Dieser Ansatz ist vielversprechend, wirkt jedoch meist am besten in Kombination mit Behandlungen, die den Tumor zunächst für das Immunsystem besser erkennbar machen.
Das liegt vor allem daran, dass Prostatatumoren als „kalt“ gelten. Das bedeutet, dass sie nur eine geringe oder gar keine Immunreaktion auslösen. Fehlt eine solche bereits vorhandene Immunaktivität, kann eine Aktivierung des Immunsystems das Tumorwachstum nur begrenzt beeinflussen.
Aus diesem Grund setzen Ärzte eine Immuntherapie bei Prostatakrebs nur selten allein ein. In der Regel muss zunächst eine Immunreaktion ausgelöst werden, damit die Immuntherapie diese verstärken kann.
Dieser Leitfaden erklärt, wie eine Immuntherapie bei Prostatakrebs wirkt, welche Grenzen sie hat und wie sie sich in umfassendere Behandlungskonzepte einfügt.
Die wichtigsten Punkte
- Eine Immuntherapie unterstützt das Immunsystem dabei, Krebszellen anzugreifen. Bei Prostatakrebs ist ihre Wirkung als alleinige Behandlung jedoch häufig begrenzt, da die Tumoren nur eine geringe Immunreaktion auslösen.
- Die meisten Prostatatumoren sind „kalt“. Das bedeutet, dass nicht genügend Immunaktivität vorhanden ist, damit eine Immuntherapie allein wirksam sein kann.
- Behandlungen, die den Tumor für das Immunsystem besser erkennbar machen – insbesondere solche, bei denen intakte Tumorantigene freigesetzt werden –, können dazu beitragen, die für eine wirksame Immuntherapie notwendige Immunreaktion auszulösen.
- Die Kombination einer Immuntherapie mit nicht thermischen fokalen Therapien kann zu einer stärkeren und gezielteren Immunreaktion führen, die über den Primärtumor hinausgeht.
Was ist die Immuntherapie bei Prostatakrebs?
Eine Immuntherapie ist ein Behandlungsansatz, der das Immunsystem dabei unterstützt, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Sie wirkt unter anderem, indem sie die Aktivität der T-Zellen verstärkt. Dabei handelt es sich um eine Art weißer Blutkörperchen, die dafür verantwortlich ist, krankhaft veränderte Zellen im Körper zu erkennen und anzugreifen.
Vereinfacht gesagt übernehmen T-Zellen eine Überwachungsfunktion im Immunsystem. Wenn sie eine Krebszelle erkennen, können sie sich an diese binden und ihre Zerstörung auslösen. Krebszellen können jedoch Mechanismen entwickeln, mit denen sie der Erkennung entgehen oder diese Immunreaktion unterdrücken. Dadurch können sie sich unkontrolliert vermehren.
Eine Immuntherapie soll diese Hindernisse überwinden, indem sie die Aktivität der T-Zellen steigert oder die hemmenden Signale ausschaltet, die T-Zellen vom Angriff auf Krebszellen abhalten. Bei Prostatakrebs ist dieser Prozess komplexer, da das Immunsystem den Tumor häufig von Anfang an nicht deutlich genug erkennt.
Aktuelle Möglichkeiten der Immuntherapie bei Prostatakrebs
Da eine Immuntherapie an unterschiedlichen Stellen der Immunreaktion ansetzen kann, gibt es verschiedene Anwendungsmöglichkeiten. Einige Ansätze sollen die Erkennung durch das Immunsystem anregen, während andere die hemmenden Signale ausschalten, die Immunzellen an ihrer Aktivität hindern.
Bei Prostatakrebs wird bislang nur eine begrenzte Zahl dieser Ansätze in der klinischen Praxis eingesetzt.
Checkpoint-Inhibitoren

Checkpoint-Inhibitoren gehören zu den wichtigsten Formen der Immuntherapie, die bei Prostatakrebs eingesetzt werden. Diese Medikamente blockieren hemmende Signale, die T-Zellen davon abhalten, Krebszellen anzugreifen. Dadurch kann das Immunsystem wirksamer reagieren.
Häufige Beispiele sind Pembrolizumab, Dostarlimab und Ipilimumab. Diese Medikamente werden in der Regel alle paar Wochen als intravenöse Infusion verabreicht.
In der klinischen Standardversorgung ist ihr Einsatz häufig auf Patienten mit bestimmten Tumormerkmalen, beispielsweise spezifischen genetischen Veränderungen, beschränkt. Werden sie jedoch mit Behandlungen kombiniert, die den Tumor für das Immunsystem besser erkennbar machen, könnten sie auch über diese Fälle hinaus eine Rolle spielen.
Impfstoff gegen Prostatakrebs
Sipuleucel-T ist ein therapeutischer Krebsimpfstoff, der die körpereigenen Immunzellen eines Patienten darauf trainieren soll, Prostatakrebs zu erkennen. Er wird bei fortgeschrittenem Prostatakrebs eingesetzt, wenn die Erkrankung trotz Hormontherapie weiter fortgeschritten ist. Zwar kann er eine Immunreaktion anregen, sein Einsatzbereich ist jedoch begrenzt und er wird in der Regel nicht mit dem Ziel einer Heilung angewendet.
Neue Ansätze der Immuntherapie
Derzeit werden neue Ansätze entwickelt, um die Wirksamkeit der Immuntherapie bei Prostatakrebs zu verbessern. Dazu gehören gezielte T-Zell-Therapien und bispezifische Antikörper, die Immunzellen in engeren Kontakt mit Krebszellen bringen sollen. Frühe klinische Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse, darunter bei einigen Patienten einen Rückgang des PSA-Werts.
Warum eine Immuntherapie allein häufig nur begrenzt wirkt
Trotz dieser Entwicklungen wird eine Immuntherapie bei Prostatakrebs in der Regel nicht als alleinige Behandlung eingesetzt. Obwohl sie ein vielversprechender Ansatz ist, wird ihre Wirksamkeit weitgehend durch die Tumorbiologie begrenzt.
Der Grund dafür ist, dass eine Immuntherapie – einschließlich der Immuncheckpoint-Inhibitoren – auf eine bereits vorhandene Immunaktivität angewiesen ist, die sie verstärken kann. Da Prostatakrebs immunologisch als „kalter“ Tumor gilt, ist die Immunaktivität gering und es sind weniger aktive T-Zellen vorhanden. Daher gibt es häufig nur wenig, woran die Immuntherapie ansetzen kann.
Was sich ändern muss, damit eine Immuntherapie bei Prostatakrebs wirken kann
Damit eine Immuntherapie wirken kann, muss sich Prostatakrebs zunächst von einem „kalten“ zu einem „heißen“ Tumor entwickeln. Ein heißer Tumor wird auch als T-Zell-infiltrierter Tumor bezeichnet. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, besteht darin, einen immunogenen Zelltod (ICD) auszulösen.
Ziel des immunogenen Zelltods ist es, einen Teil der Krebszellen so zu zerstören, dass dabei Tumorantigene freigesetzt werden. Dadurch kann das Immunsystem Krebszellen im gesamten Körper besser erkennen und eine umfassendere Immunreaktion auslösen. Diese wird teilweise als abskopaler Effekt bezeichnet.
Es gibt mehrere Behandlungsansätze, die einen abskopalen Effekt auslösen können:
- Onkolytische Viren: Gentechnisch veränderte Viren, die direkt in Tumoren injiziert werden, um die Tumorzellen aufzulösen und Neoantigene freizusetzen.
- Konventionelle Therapien: Eine Strahlentherapie und bestimmte Formen der Chemotherapie können die DNA von Tumorzellen schädigen, den cGAS-STING-Signalweg aktivieren und dazu beitragen, Immunzellen auf ihre Aufgabe vorzubereiten.
- Ablative Therapien: Fokale Ablationsverfahren können Krebszellen zerstören und dabei Tumorantigene sowie weitere Signalmoleküle freisetzen, die Immunzellen anlocken.
Alle drei Ansätze können eine Immunreaktion auslösen, beeinflussen die Erkennung des Tumors jedoch nicht auf dieselbe Weise. Bei manchen Verfahren werden Tumorantigene während der Behandlung beschädigt oder abgebaut. Dadurch kann das Immunsystem die Krebszellen weniger eindeutig erkennen.
Die Art, wie Tumorzellen zerstört werden, beeinflusst daher unmittelbar, ob eine Immuntherapie wirken kann. Verfahren, die die Tumorstruktur erhalten und intakte Antigene freisetzen, unterstützen die Erkennung durch das Immunsystem eher. Werden diese Erkennungssignale hingegen zerstört, kann dies die Wirksamkeit der Behandlung verringern.
Thermische Behandlungen und die Zerstörung von Antigenen
Zu den häufigsten Ablationsverfahren bei Prostatakrebs gehören thermische Behandlungen wie der hochintensive fokussierte Ultraschall (HIFU) und die Kryotherapie.
Diese Verfahren können das gezielt behandelte Tumorgewebe wirksam zerstören. Die dabei eingesetzten extremen Temperaturen können jedoch Tumorproteine denaturieren. Dadurch stehen weniger intakte, prostataspezifische Tumorantigene zur Verfügung und die Fähigkeit der Behandlung, einen abskopalen Effekt auszulösen, kann eingeschränkt sein.
Obwohl der Primärtumor erfolgreich behandelt werden kann, fällt die daraus entstehende Immunreaktion daher häufig schwächer aus. Dies verringert das Potenzial der Immuntherapie, auf dieser Reaktion aufzubauen.
Nicht thermische Verfahren und der Erhalt von Antigenen
Im Gegensatz zu Behandlungen, die auf extremer Hitze oder Kälte beruhen, zerstören nicht thermische fokale Therapien Krebszellen, während Tumorantigene intakt bleiben und in das umliegende Gewebe freigesetzt werden können. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, einen abskopalen Effekt auszulösen.
Zu diesen nicht thermischen Ablationsverfahren gehören:
- Irreversible Elektroporation (IRE): Elektrische Impulse erzeugen dauerhaft Poren in den Membranen der Krebszellen. Dadurch werden die Tumorzellen zerstört und Tumorantigene freigesetzt, während umliegende Strukturen geschont werden.
- Elektrochemotherapie (ECT): Elektrische Impulse werden mit einer auf den Tumor ausgerichteten Chemotherapie kombiniert, um die Aufnahme des Medikaments in die Zellen zu erhöhen. Auf diese Weise werden Krebszellen zerstört, während die Gewebestruktur erhalten bleibt.
- Photodynamische Therapie (PDT): Eine durch Licht aktivierte Reaktion mit nachgewiesenen immunstimulierenden Effekten zerstört Krebszellen, während die Antigenstruktur erhalten bleibt.
Wie dies das Ansprechen auf die Immuntherapie verbessert
Das Immunsystem kann Krebszellen im gesamten Körper grundsätzlich wirksam angreifen. Therapien, die einen abskopalen Effekt auslösen, tragen dazu bei, diese Reaktion anzustoßen und zu verstärken.
Indem nicht thermische fokale Therapien intakte Tumorantigene erhalten und freisetzen, machen sie den Tumor für das Immunsystem besser erkennbar.
So entsteht eine lokale Immunreaktion, auf der die Immuntherapie aufbauen kann, anstatt eine solche Reaktion vollständig neu auslösen zu müssen. Sobald das Immunsystem den Tumor erkennt, kann die Immuntherapie diese Reaktion im gesamten Körper verstärken und dazu beitragen, Krebszellen außerhalb des Primärtumors anzugreifen.
Dieser zweistufige Ansatz unterstützt eine stärkere Aktivierung des Immunsystems und verbessert dessen Fähigkeit, mikrometastatische Tumorherde anzugreifen, die in bildgebenden Untersuchungen nicht erkennbar sind.
Kombination von fokaler Therapie und Immuntherapie
Wie bereits erläutert, ist eine Immuntherapie am wirksamsten, wenn sie auf einer bestehenden Immunreaktion aufbauen kann. In der Praxis wird deshalb häufig eine systemische Immuntherapie mit nicht thermischen fokalen Behandlungen kombiniert, die den Tumor zunächst für das Immunsystem besser erkennbar machen.
Ein Beispiel für die Anwendung dieses Ansatzes ist eine strukturierte Abfolge aus Vorbereitung des Immunsystems, Tumorbehandlung und anschließender Unterstützung der Immunreaktion:
- Vorbereitung des Immunsystems (Priming): Vor der fokalen Therapie erfolgt eine erste Behandlung, um die Erkennung des Tumors durch das Immunsystem anzuregen.
- Systemische Aktivierung des Immunsystems: Vor der Ablation wird eine Dosis Immuntherapie verabreicht, um die Funktion der T-Zellen im gesamten Körper zu aktivieren und das Immunsystem auf seine Reaktion vorzubereiten.
- Fokale Ablationsbehandlung: Nicht thermische Verfahren wie IRE, ECT oder PDT behandeln den Primärtumor und setzen dabei Tumorantigene frei.
- Unterstützung des Immunsystems nach der Ablation: Nach der Behandlung kann eine weitere Immuntherapie eingesetzt werden, um die Immunaktivität aufrechtzuerhalten, während verbliebene Krebszellen erkannt und angegriffen werden.
Die genaue Abfolge und Kombination kann je nach Tumoreigenschaften und individuellem Ansprechen variieren. Das zugrunde liegende Prinzip bleibt jedoch gleich: Zunächst wird der Tumor für das Immunsystem besser erkennbar gemacht, anschließend wird die Immunreaktion im gesamten Körper verstärkt.
Erfahren Sie, wie Vitus Immuntherapie mit nicht thermischen fokalen Behandlungen kombiniert →
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Eine Immuntherapie kann bei Prostatakrebs wirksam sein, ihre Wirkung ist als alleinige Behandlung jedoch häufig begrenzt. Prostatakrebs ist in der Regel ein „kalter“ Tumor mit geringer Immunaktivität. Die Ergebnisse sind meist besser, wenn eine Immuntherapie mit Behandlungen kombiniert wird, die die Erkennung des Tumors durch das Immunsystem verbessern.
Bei Prostatatumoren fehlen häufig eine ausreichende Immunaktivität und genügend T-Zellen. Daher gibt es nur eine geringe bestehende Immunreaktion, auf der die Immuntherapie aufbauen kann. Für eine bessere Wirksamkeit ist es entscheidend, den Tumor für das Immunsystem besser erkennbar zu machen – insbesondere bei fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung.
Eine Immuntherapie unterstützt das körpereigene Immunsystem dabei, Krebszellen zu erkennen und anzugreifen. Sie verstärkt die Aktivität der T-Zellen und wirkt Signalen entgegen, die die Immunreaktion unterdrücken. Am wirksamsten ist sie in Kombination mit Behandlungen, die die Erkennung des Tumors durch das Immunsystem verbessern.
Eine Immuntherapie allein gilt bei Prostatakrebs in der Regel nicht als heilende Behandlung. Ihre Aufgabe besteht darin, das Immunsystem dabei zu unterstützen, Prostatakrebszellen im gesamten Körper anzugreifen. In Kombination mit anderen Behandlungen kann sie zu einer längerfristigen Kontrolle der Erkrankung beitragen.
Eine Immuntherapie ist am wirksamsten, wenn der Tumor für das Immunsystem besser erkennbar gemacht wurde. Behandlungen, die Tumorantigene freisetzen, können die Erkennung durch das Immunsystem verbessern. Dadurch kann die Immuntherapie eine stärkere und gezieltere Reaktion auslösen und dazu beitragen, Krebszellen wirksamer zu zerstören.